Archivarbeit heute (2)

Zweiter Teil: Das Archiv als moderner Dienstleister

Schon im ersten Teil (Archiv, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit, Altstadtbrief Nr. 33/2006) war deutlich geworden, dass Archive heute keine nur ausgewählten Personen zugängliche Geheimarchive mehr sind, sondern jedem offen stehen, der ein berechtigtes an Interesse an der Nutzung des Archivs glaubhaft machen kann, wie es in der Satzung heißt. Was sich hier etwas einschränkend anhören mag, schließt in der Praxis kaum jemanden von der Archivbenutzung aus – es sei denn etwa, die Benützungsgenehmigung müsste reduziert oder versagt werden, weil Grund zu der Annahme bestünde, dass schutzwürdige Belange Betroffener oder Dritter entgegenstehen, der Erhaltungszustand des Archivgutes gefährdet würde, ein nicht vertretbarer Verwaltungsaufwand entstehen würde, die Interessen der Stadt verletzt werden könnten oder der Benützungszweck auch anderweitig, insbesondere durch Einsichtnahme in Druckwerke oder Reproduktionen, erreicht werden kann.
Manches Schriftgut unterliegt auch bestimmten Schutzfristen und kann erst nach deren Ablauf zur Verfügung gestellt werden.

Was ist nun ein „berechtigtes Interesse“?
Dies sind – um Hauptbeispiele zu nennen – die Interessen von Schule, Unterricht und Weiterbildung, der Forschung und Geschichtswissenschaft, der Heimatpflege und des Denkmalschutzes, der Familienforschung und Erbenermittlung. Es handelt sich also um mögliche Benutzergruppen von den Schülern bis zu den Senioren, deren berechtigtes Interesse an einer Archivbenützung mehr oder weniger offenkundig auf der Hand liegt. Fast jeder Benützungszweck lässt sich wohl einer der oben genannten Interessengruppen zuordnen, weshalb das Archiv einer breiten Öffentlichkeit dient und eine Vielfalt von Themen abdeckt. Wenn man nun bedenkt, dass wir es im Archiv gleichwohl nicht mit einer Laufkundschaft und Massenabfertigung zu tun haben, sondern dass jeder Besucher ganz individuell beraten und betreut wird – sei es ein Kurzbesuch, sei es ein Stammkunde, der mehrere Tage und sogar auf Jahre hinaus kommt – so wird hier der Dienstleistungscharakter des Archivs besonders deutlich.

Es werden stadtgeschichtliche Informationsdienste vermittelt, Archivalien bereitgestellt, fachlich-thematische Bera­tungen durchgeführt, allgemeine und spezielle Archivführungen veranstaltet, Schulprojekte mit der Arbeit an Originalen begleitet oder Lehrerfortbildungen abgehalten und/ oder unterstützt – die Liste ließe sich mit Vorträgen zur Stadtgeschichte u.v.m. fortsetzen, um nur einige Beispiele heraus zu greifen. Dabei ist das Feld der Serviceleistungen für eine möglichst breite Allgemeinheit auch möglichst weit und offen. Trotzdem müssen wir natürlich bedenken, dass die Bestände eines Archivs in aller Regel unersetzliche Unikate sind, womit die Archive innerhalb der kulturgüterverwaltenden Einrichtungen eine besondere Position einnehmen, wenn nicht sogar konkurrenzlos dastehen. Bei aller selbstverständlich heute auch im Archiv praktizierten und notwendigen Öffnung mit hohem Dienstleisungsanspruch ist ein Archiv aber kein Kulturvermarkter im Sinne eines Eventmanagers, der bunte Veranstaltungen aller Art anbietet, um Leute ins Haus zu bekommen. Kulturvermarktende Einrichtungen und zum Teil auch museale Organisationen müssen sich öffentlich wesentlich offensiver legitimieren und ein wesentlich breiteres, auf Besucherzahlen ausgerichtetes Angebot fahren – eine so weit reichende „Öffentlichkeit des Anschauens“ war und ist in einem Archiv nicht erforderlich, und soll und darf zum Schutz des einmaligen originalen Archivgutes auch nicht bestehen.

Auch ohne massenhaften Besucherverkehr werden hier im Stadtarchiv Kempten jährlich an den üblichen ca. 250 Arbeitstagen ca. 700 Archivbenützer intensiv betreut – ein beachtlicher Service, wenn man zum einen bedenkt, dass ein Archiv ja neben der Dienstleistung noch viele andere Aufgaben erfüllen muss, und zum anderen festzustellen ist, dass das Stadtarchiv Kempten mit diesen Zahlen selbst mit weitaus größeren Archiven konkurrieren kann, sogar mit staatlichen Einrichtungen.

Dr. Franz-Rasso Böck, Stadtarchivar

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