Ausgrabung am St.-Mang-Platz

ausgrabung

Sondierschnitt durch die Michaelskapelle

Aufgrund der zunächst für das Jahr 2004 geplanten Um- und Neugestaltung des St.-Mang-Platzes wurde eine archäologische Voruntersuchung des Geländes erforderlich.

Diese Maßnahme wurde von der Stadtarchäologie Kempten im Zeitraum vom 04. August bis zum 21. November 2003 durchgeführt. Gesetzliche Grundlage hierfür ist Art. 7 des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes in Verbindung mit Art. 19a der Bayerischen Bauordnung.

Zur vorläufigen Klärung der Befundlage des St.-Mang-Platzes wurden an ausgewählten Bereichen insgesamt sieben Sondageschnitte angelegt, deren Grabungs- und Vermessungsergebnisse einerseits von den, die Neugestaltung des Platzes planenden Stellen benötigt werden sowie andererseits der wissenschaftlichen Erforschung zur Entstehung eines der Siedlungskerne im Altstadtbereich Kemptens dienen. Anhand der während der Ausgrabungsarbeiten angefertigten, maßstäblichen Befundzeichnungen und schriftlichen Berichte steht den nachfolgenden Generationen darüber hinaus Quellenmaterial zur eigenen Interpretation der historischen Situation zur Verfügung.

Bekannt war bereits aus archivalischen Quellen, dass das Gebiet um die St.-Mang-Kirche im Mittelalter als Friedhof genutzt wurde. Die Auflassung der Begräbnisstätte erfolgte um das Jahr 1537 und wurde danach an den westlichen Fuß des Burghaldehügels – Bereich des heutigen Evangelischen Friedhofs – verlegt. Aus Tiefbaumaßnahmen vergangener Jahre und Jahrzehnte, bei denen wiederholt Skelett- und Knochenfunde zutage traten, konnten durch naturwissenschaftliche Untersuchungen der Materialien (sog. „Radiocarbon-“ oder 14-C-Datierung) Bestattungen seit mindestens 998 n. Chr. nachgewiesen werden.

Ein zweiter Forschungsgegenstand bzw. ein zu untersuchendes Bodendenkmal waren die Reste der sog. „Michaelskapelle“, deren Erbauungszeit völlig im Dunkeln liegt. Dieser Baukörper vereinigte ursprünglich in sich zwei Kirchen: Im Untergeschoß befand sich die „Erasmuskirche“, der Altar im Ober- bzw. Erdgeschoß war dem Heiligen Michael geweiht. Bekannt sind weiterhin lediglich die Nutzungszeit des Gebäudes als Friedhofskapelle bis zum Jahr 1567, danach erfolgte dessen Profanisierung (Verwendung zu nichtsakralen Zwecken) und, damit einhergehend, sein Umbau zu einem Leinwandschauhaus (Lager- und Ausstellungsraum örtlicher Textilerzeuger). Kurz vor dem Abbruch im Jahre 1867 diente das Untergeschoß als Weinkeller und Trinkstube des Magistrats der Stadt Kempten.

Eine Aussage darüber zu erhalten, ob diese Kapelle der Nachfolgerbau einer möglichen (vielleicht nur in Holz erbauten?) frühmittelalterlichen Kapelle oder kleinen Klosterzelle sein könnte, war ebenfalls Ziel der Ausgrabung. Nach der sog. „Magnusvita“ soll um die Mitte des 8. Jahrhunderts eine Klostergründung durch den Heiligen Magnus in Kempten erfolgt sein. Die genauere Lokalisierung dieser ersten „Cella“ (im Bereich der heutigen St.-Lorenz-Basilika oder doch am St.-Mang-Platz gelegen?) ist zur Zeit noch Gegenstand der Forschung. Damit war jedoch mit dem Auftreten frühmittelalterlicher Befunde auf dem Gelände des St.-Mang-Platzes durchaus zu rechnen.

Die aktuellen Grabungsergebnisse erbrachten vorläufig folgenden Sachstand:

  1. Aufgrund relativ zahlreicher Kleinfunde ist eine Besiedlung des Geländes seit der Römerzeit, zumindest aber seit der Spätantike anzunehmen
  2. Spätestens seit dem Hochmittelalter wurde das Areal als Friedhof genutzt
  3. Über bereits bestehenden Gräbern wurde die Michaelskapelle errichtet – sie ist somit der  zeitlich relativ jüngste Befund

Die Annahme einer ursprünglich römerzeitlichen Besiedlung des Geländes basiert zunächst nur auf dem Vorkommen von Kleinfunden wie Münzen, Bau- und Gefäßkeramikfragmenten. Man wird aber im Zusammenhang mit den Ausgrabungsergebnissen des Vorjahres auf dem, nur rund 100 m südöstlich gelegenen, sog. „Schwanengelände“ an der Burgstraße sowie den, vor dem Umbau des sog. „Mühlberg-Ensembles“ (heute „Haus Lichtblick“) geborgenen Funden davon ausgehen dürfen, dass eine durchgehende Besiedlung vom Nordhang der Burghalde bis zum Nordrand des Geländes um die St.-Mang-Kirche existiert hat. Nicht zuletzt erbrachten die, räumlich relativ nahegelegenen, Grabungen östlich des Rathauses in den Jahren 1987 – 88 eine massive Konzentration römerzeitlicher Funde und Befunde.

Durch die spätere Nutzung des Areals als Friedhof, dessen Grabgruben z. T. weit in den anstehenden Illerkies eingetieft waren, wurden die evtl. bis dahin noch vorhandenen römerzeitlichen Siedlungsreste vollständig zerstört. Die während der aktuell durchgeführten Ausgrabung geborgenen Funde aus römischer/ spätantiker Zeit waren fast durchweg nur als Einschlüsse in mehrfach umgelagertem Material der mittelalterlichen bis neuzeitlichen Grabgrubenverfüllungen fassbar. Ähnlich dürfte die Situation für die erhofften frühmittelalterlichen (Bau-) Befunde einzuschätzen sein. Sollten diese, im Anschluss an die spätantiken Spuren existiert haben, wurden sie vermutlich ebenfalls durch die Anlage der dichtgedrängten Grabgruben zerstört – sie waren zumindest archäologisch nicht nachweisbar.

Zur näheren Eingrenzung der Entstehungszeit der Michaelskapelle können hier jedoch  einige der mittelalterlichen Gräber beitragen. Da sich einige Gräber innerhalb des ehemaligen Chorraumes befanden bzw. von dessen Einbauten überlagert wurden, kann eine Altersbestimmung des einschlägigen Knochenmaterials einen Anhaltspunkt zur frühestmöglichen Errichtung der Kapelle liefern. Ein aufgrund begleitender Befunde vermutbarer Zeitansatz zur Errichtung der Kapelle im 13./14. Jahrhundert scheint beim gegenwärtigen Stand der Forschung vertretbar. Die hier vorgestellten Untersuchungsergebnisse müssen aber bis zu einer vollständigen Auswertung der Ausgrabung noch als vorläufig betrachtet werden. Zur weiteren Klärung der historischen Situation des St.-Mang-Platzes und seines Umfeldes sowie zur Erfassung bisher noch nicht bekannter Bodendenkmäler in diesem Kernbereich der heutigen Altstadt ist eine großflächige Untersuchung des Areals vor der endgültigen Um- oder Neugestaltung erforderlich.

An dieser Stelle soll auch dem Archäologischen Arbeitskreis Kempten für seine tatkräftige Unterstützung der Ausgrabungen vor Ort gedankt werden. Mit nahezu 200 geleisteten, unbezahlten Arbeitsstunden trugen Mitglieder dieser Organisation wesentlich zum Gelingen und zu einem qualifizierten Abschluss der Arbeiten vor Wintereinbruch bei.

Von Ernst Sontheim, Grabungstechniker

  1. #1 von Helmut Weihele unter 30. November 2010

    Ich möchte dem Berichterstatter ein ganz großes Lob aussprechen. Als nahzu gebürtiger Kemptner (Altstadt – Webergasse) weiß ich was in all den Jahren im schönsten Teil meiner Heimatstadt geleistet wurde. Vielen Dank allen Helfern und Mitarbeitern. Ich freue mich wenn ich Reisegruppen über diesen schönen Platz mit seiner wunderbaren Geschichte führen darf.

     
(wird nicht veröffentlicht)
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